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  Friedensbotschaften aus Rangsdorf  
     
       
                 
  Interviews mit Zeitzeugen - mit Maria Kapitonenko am 06.08.2005  
     
    Interview mit Nadja Tschabar  
    Interview mit Nina Gerkulo  
    Interview mit Raja Tschabar  
    Interview mit Boris Kostinski  
     
        Video mit Maria Kapitonenko (ca. 3.20 MB)  
 

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Drushkowka musste ich am 27. September 1942 verlassen. In Deutschland kamen wir am 15. Oktober an. Zuerst kamen wir zu einem Bauern und rodeten bis zum Einbruch der Kälte die Kartoffeln. Als es kalt wurde, schickte man uns nach Rangsdorf zum Bücker-Werk. Dort blieb ich bis Ende Frühling 1945.

Die Verpflegung war schrecklich. Zwei oder drei faule Kartoffeln bekamen wir zum Mittagessen. Abends erhielten wir 50 Gramm Brot für den nächsten Tag. Wir aßen es gleich auf und gingen hungrig zu Bett. Wir waren vom Hunger geschwollen, hatten Hungerödeme.  Meine Freundin Nina arbeitete bei Bücker und schälte Kartoffeln für die Küche. Sie sagte zu mir: „Komm Maria, wir geben Dir Kartoffelschalen. Wir legen sie in den Müllkasten, und Du holst sie dort weg.“ Ich ging schnell dahin mit einer Tasche und stellte mich in der Kolonne in die letzte Reihe. Ich war ja verwegen und sprach alle rings umher an. Der Wachmann fragte: „Was bringst Du da?“ Ich zeigte ihm, da sagte er: „Du bist ein Schwein!“ Er schüttete mir die Kartoffelschalen auf den Kopf und schrie dabei: „Du bist ein Schwein!“ Ich aber sagte: „Ich bin kein Schwein, ich bin ein Mädchen.“ Ich sammelte die Schalen wieder zusammen (er erlaubte es mir) und brachte sie ins Lager. Im Zimmer stand ein eiserner Heizofen. Darauf habe ich die Kartoffelschalen gebacken und gegessen. Ich habe auch meine Freundinnen bewirtet.

Im Werk hatte ich eine „sehr gute“ Arbeit: Es war ein großer Lagerraum, wo Scheiben, Schrauben u.a. waren. Nach entsprechenden Dokumenten gab ich sie heraus.
Wir waren zu dritt, zwei Franzosen waren dabei. Sie achteten mich. Vom Roten Kreuz erhielten sie Päckchen. Einer versteckte in der Hosentasche eine Dose mit Suppe und brachte sie mir. Oh, ich war im 10. Himmel. Ich habe mich daran satt gegessen.

Videoausschnitt

Eines Tages sagte mein deutscher Meister zu mir: „Wir müssen das Ding, das da hoch oben hängt, runterholen.“ Er fragte mich: „Wirst Du dahinklettern?“ Ich sagte: „Nein!“ Dann fragte er die Franzosen, sie lehnten ab. Dann schickte er mich nach oben. Befehl ist Befehl. Das war eine Fläche vom Flugzeug. Sie fiel mir herunter. Dann kam der Meister und sagte zu mir: „Dumm!“ Ich sagte: „Ich bin dumm?“ Er schlug mich, ich fiel um und die Nase blutete. Ich sagte zu ihm: „Du bist auch dumm!“ Die Franzosen kamen näher. Ich weinte, und der Meister ging fort. Ich musste meine Arbeit fortsetzen.

Mit den deutschen Arbeitern durften wir nicht sprechen, sogar nicht lächeln. Ich aber machte alles verkehrt. Ich sagte den Deutschen, dass die Russen sie jetzt schlagen. Ein Deutscher meinte dazu: „Hitler und Stalin sind dumm.“

Die Wachleute, die uns bewachten, waren bewaffnet. Ringsum war Stacheldraht. Tag und Nacht wurden wir bewacht. Sonntags durften wir für einige Stunden ausgehen. Ein bekannter Deutscher nahm mich zu sich nach Hause. Ich stopfte seine Socken, machte die Wohnung rein. Er prüfte mich: legte Geld hin, einen Ring. Ob ich es an mich nehme. Ich nahm nichts.
Er nahm mich oft und brachte mir dafür belegtes Brot.

Als ich zum Kriegsende befreit wurde, geriet ich ins Umsiedlungslager 221. Da kamen unsere Offiziere und fragten: „Wer kann auf Deutsch sprechen?“ Alle schwiegen. Dann wurde ich gefragt. – „Ja, ich kann.“ – „Dann kommst Du in eine Margarinefabrik.“ Ich fragte: „Und was werde ich dort machen?“ – „Bei der Belieferung wirst Du an der Waage tätig sein.“ – Ja, ich fahre dahin. Umso mehr, da es um eine Margarinefabrik geht.
Ich fuhr dahin und wurde von den Deutschen gut empfangen. Mit mir kam noch eine, die bei einem Bauer war und darum Deutsch beherrschte. Ich aber sprach, was ich wusste. Dort war eine Schreibmaschine, und ich tippte Tag und Nacht. Ich dachte dabei: „Das wird mich zu irgendeinem Beruf bringen.“

Dann kam ein General und sagte: „Wir brauchen für unser Regiment eine Stenotypistin. Tippen Sie?“ – „Ja“ antwortete ich. –„Wir nehmen Sie zu uns.“
Er sagte zu mir: „Sie werden in der Geheim-Abteilung arbeiten. Zuerst müssen wir aber prüfen, wer Sie sind.“ Und sie fragten in Drushkowka nach. Mein Vater war an der Front, mein Bruder auch, meine Mutter wollte man auch nach Deutschland deportieren. Man schickte sie aber zurück, weil sie schon alt war.
Ich begann in der Geheim-Abteilung zu arbeiten und lernte meinen Mann, Iwan Koschewoj, kennen. Er war Verwalter der Apotheke in einem Lazarett. Ich heiratete ihn. Wir fuhren nach Potsdam und ließen unsere Eheschließung registrieren.

Dann wurde mein Mann nach Kamtschatka geschickt; wir lebten dort sieben Jahre lang. Ich war dort auch Stenotypistin. Mein Mann wollte, dass ich in eine Medizinlehranstalt eintrete. Die Antwort war: „Die Frau war in Deutschland.“ Ich durfte nicht studieren. In einer Parteiversammlung sagte er: „Sie hat damit nichts zu tun. Schuld daran sind Sie, und Sie, und Sie.“

Wir kamen schließlich hierher nach Drushkowka, ich schon als Frau eines Offiziers, Arbeit finden konnte ich aber nicht. Mein Mann fand Arbeit in einer Apotheke, und ich ging in die Landwirtschaft, weil ich keinen Beruf hatte. Später arbeite ich als Kassiererin.

 
     
 
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