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Ich wurde, wie meine Schwester
Nadja Tschabar, am 8. September 1942 nach Deutschland
deportiert. Zuerst kamen wir an die Oder, wo ein Sammellager
war. Wir waren 9 Mädchen aus Drushkowka. Drei Monate lang
ernteten wir Weizen und Kartoffeln. Wir banden Garben, was ich
vorher nie machte. Ein Strohhalm geriet in die Nase. Die
begann zu bluten. Nachdem die Ernte eingebracht war, brachte
man uns nach Rangsdorf bei Berlin zu Bücker.
Die Disziplin war streng dort. Unter Bewachung gingen wir zur
Arbeit, zum Mittagessen, sogar zum Abort. Unser Aufseher war
ein Georgier, der als Lagerältester galt. Er war ein
Volksdeutscher. Unsere Lebensbedingungen waren widerlich.
Einst kochte man für uns eine Suppe aus Perlgraupen. Als wir
zu essen begannen, stellte sich heraus, dass darin Würmer
waren, die mitgekocht wurden. Wir beschlossen zu streiken, und
niemand ging zur Arbeit. Die Anstifter landeten im Karzer, und
wir wurden an die Arbeitsstelle hinausgejagt. Am Abend gab man
uns dieselbe Suppe. Mädchen, was sollten wir machen? Wir
schalteten das Licht aus und aßen die gekochten Würmer. Wir
wurden ungeheuer schlecht verpflegt. Das haben wir erlebt.
Auch die Betten waren schlimm. Die Matratzen und Kissen wurden
nur mit Hobelspänen gefüllt.
Wir durften nicht mit den Deutschen sprechen, sogar anschauen
durften wir sie während der Arbeit nicht. Ich verrichtete
dieselbe Arbeit, wie Nadja Tschabar. Dann kam ich in die
Abteilung der technischen Kontrolle. Ich saß zwischen zwei
alten Deutschen und durfte mit ihnen nicht sprechen. Sie
zeigten mir den Mann, der sie beobachtete.
Ich hatte einen Freund im Lager, Tantschik, der älter war als
ich. Er bewirtete mich mit Brei. Er und andere Jungs
beschafften im Betrieb eine Mischung aus Getreide, versteckten
es in den Schuhen und kochten daraus im Lager einen Brei. Aus
Sympathie ließ er mich kommen und bewirtete mich mit diesem
Brei. Jemand zeigte sie an, dass sie Nahrung entwendeten, und
sie sollten verhaftet werden. Die Jungs machten ein
Schlupfloch unter dem Stacheldrahtzaun und entkamen. Ich
wusste überhaupt von nichts. Ich wurde zum Verhör bei der
Polizei einbestellt.
Boris Kostinski
war dabei als
Dolmetscher. Seine Haltung zu mir war so rücksichtsvoll, so
achtsam, so wohltuend. Ich dachte noch: „Ein Deutscher, und
verhält sich so menschlich zu mir; verteidigt mich.“ Ich
fühlte, dass er mich verteidigt. Deutsch verstand ich kaum.
Ich fühlte aber, dass er mich verteidigte. Ich verstand seine
Worte: „Sie hat nichts davon zu verantworten. Sie ist noch ein
Kind, was versteht sie denn?“ Das habe ich verstanden. Man
ließ mich frei und ich geriet, Gott sei Dank, nicht ins
Konzentrationslager.
Videoausschnitt
Zur deutschen Bevölkerung gab es nahezu keine Beziehungen. Ich
erinnere mich, wie wir durch Rangsdorf spazieren gingen und an
einem Apfelbaum hingen viele grüne Früchte. Wir kamen näher
und sagten: „Geben Sie uns auch je einen Apfel ab.“ Zur
Antwort kam: „Noch nicht reif.“ Dieses Wort ist bis heute in
meinem Gedächtnis stecken geblieben. Sie haben uns keinen
Apfel gegeben.
Doch es gab auch Ausnahmen: Wir hörten von einem Bauern in
Dabendorf, wo es Salat geben sollte: Weißkohl und rote Beete.
Wir fuhren an einem Sonntag dorthin und fanden diesen Bauern.
Wir aßen je eine Portion auf, dann die zweite und auch die
dritte. Wir kamen zur Haltestelle, als die S-Bahn soeben
abfuhr. Die nächste kam erst in 20 Minuten, so dass wir 20
Minuten zu spät ins Lager kamen.
Am nächsten Tag wurden alle vier Mädchen gerufen und vor ein
Gericht gestellt. Es waren drei erwachsene Frauen anwesend.
Sie waren aus unserem Lager. Sie bekamen zusätzlich eine
Kartoffel und haben uns verkauft. Das Urteil war: 15 Tage
Karzer und je 15 Minuten baden. Wir mussten uns nackt
ausziehen, auch die Schlüpfer mussten runter. Dann kam der
kalte Wasserstrahl unter Druck. Das Liegebett war aus blankem
Holz, ohne Matratze. Wir erhielten für einen Tag ein Glas
Wasser und 100 Gramm Brot. Nach 15 Tagen war ich von Furunkeln
ganz bedeckt. Ich wurde für einen Monat krankgeschrieben.
Bevor man mich nach Deutschland deportierte, stand bei uns ein
Deutscher in Quartier. Er war damals schon wieder an der
Front. Von einem Postpaket blieb der leere Karton mit der
Rückadresse. Ich habe mir diese Adresse für alle Fälle
mitgenommen. Bei der Arbeit mit den zwei alten Männern sagte
ich: „Ich habe hier eine Adresse. Er war bei uns
einquartiert.“ Ein Opa, um die 80, sagte: „Gib sie her! Ich
fahre dahin und erzähle es ihnen.“ Es stellte sich heraus,
dass der Soldat aus Berlin war. Man musste, glaube ich, bis
Friedrichstraße fahren und dann mit der Straßenbahn 2 bis zum
Ende. Opa fuhr dahin und zog Erkundigungen ein. Sie luden mich
ein. Er erklärte mir, wie man dahin fährt. Als ich ausstieg,
waren ringsum Einfamilienhäuser: sauber und gepflegt. Ihr Haus
war das fünfte.
In diesem Haus wohnten der Vater, die Mutter, die Frau des
Soldaten, sein Töchterchen Ingabert und seine Nichte Bärbel.
Sie nahmen mich gut auf, gaben mir zu essen. Sie legten mich
in ein schneeweißes und weiches Bett, und ich schlief dort
sogar ein. Ich sagte ihnen, dass ich um 6 Uhr im Lager sein
muss. Sie weckten mich rechtzeitig, gaben nochmals zu essen,
sowie einige Sachen. Eines Tages kam ich zu ihnen, und sie
fragten mich: „Die Lage ist so schrecklich. Sollen wir uns
evakuieren lassen oder nicht?“ Ich sagte ihnen: „Fahren Sie
nirgendwohin; bleiben Sie zu Hause. Wenn Sie wegfahren, dann
wird alles ausgeraubt. Und wenn Sie zurückkommen, haben Sie
nichts mehr.“
Von da an konnten wir uns nicht mehr treffen. Es war doch so
interessant. Den Namen habe ich vergessen, die Adresse auch.
Ich hätte mich gerne mit ihnen getroffen.
Als wir befreit wurden, gingen wir zuerst alle zu Fuß. Dann
schoss man auf uns. Ich geriet auf einen Wagen unserer Armee.
Dann kam ich in eine Nebenwirtschaft. Ich weidete die Kühe.
Dann beschloss man, uns wegzuschicken. Ich blieb allein, und
man brachte mich in ein Sammellager an der Oder, in ein
Kloster. Dort wurden wir bis zum August geprüft. Alles war
gut, und Ende August wurde ich nach Hause geschickt.
Mit dem Auto fuhren wir über Rawa Russkaja, wo wir eine Pause
machten, nach Lwow. Die Westukrainer verfolgten uns. Manche
von uns haben sich dort sogar beim Essen vergiftet. Aus Lwow
fuhren wir mit einem Zug in Richtung Sowjetunion. Schließlich
stieg jeder an seiner Station aus.
Nach meiner Rückkehr in die Heimat wurde ich repatriiert und
registrierte mich. In meinem Heimatdorf Drushkowka fand ich
eine Arbeit und bin seitdem hier geblieben. |
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