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  Friedensbotschaften aus Rangsdorf  
     
       
                 
  Interviews mit Zeitzeugen - mit Raja Tschabar am 06.08.2005  
     
    Interview mit Maria Kapitonenko  
    Interview mit Nadja Tschabar  
    Interview mit Nina Gerkulo  
    Interview mit Boris Kostinski  
     
        Video mit Raja Tschabar (ca. 2.23 MB)  
 

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Ich wurde, wie meine Schwester Nadja Tschabar, am 8. September 1942 nach Deutschland deportiert. Zuerst kamen wir an die Oder, wo ein Sammellager war. Wir waren 9 Mädchen aus Drushkowka. Drei Monate lang ernteten wir Weizen und Kartoffeln. Wir banden Garben, was ich vorher nie machte. Ein Strohhalm geriet in die Nase. Die begann zu bluten. Nachdem die Ernte eingebracht war, brachte man uns nach Rangsdorf bei Berlin zu Bücker.

Die Disziplin war streng dort. Unter Bewachung gingen wir zur Arbeit, zum Mittagessen, sogar zum Abort. Unser Aufseher war ein Georgier, der als Lagerältester galt. Er war ein Volksdeutscher. Unsere Lebensbedingungen waren widerlich. Einst kochte man für uns eine Suppe aus Perlgraupen. Als wir zu essen begannen, stellte sich heraus, dass darin Würmer waren, die mitgekocht wurden. Wir beschlossen zu streiken, und niemand ging zur Arbeit. Die Anstifter landeten im Karzer, und wir wurden an die Arbeitsstelle hinausgejagt. Am Abend gab man uns dieselbe Suppe. Mädchen, was sollten wir machen? Wir schalteten das Licht aus und aßen die gekochten Würmer. Wir wurden ungeheuer schlecht verpflegt. Das haben wir erlebt. Auch die Betten waren schlimm. Die Matratzen und Kissen wurden nur mit Hobelspänen gefüllt.

Wir durften nicht mit den Deutschen sprechen, sogar anschauen durften wir sie während der Arbeit nicht. Ich verrichtete dieselbe Arbeit, wie Nadja Tschabar. Dann kam ich in die Abteilung der technischen Kontrolle. Ich saß zwischen zwei alten Deutschen und durfte mit ihnen nicht sprechen. Sie zeigten mir den Mann, der sie beobachtete.

Ich hatte einen Freund im Lager, Tantschik, der älter war als ich. Er bewirtete mich mit Brei. Er und andere Jungs beschafften im Betrieb eine Mischung aus Getreide, versteckten es in den Schuhen und kochten daraus im Lager einen Brei. Aus Sympathie ließ er mich kommen und bewirtete mich mit diesem Brei. Jemand zeigte sie an, dass sie Nahrung entwendeten, und sie sollten verhaftet werden. Die Jungs machten ein Schlupfloch unter dem Stacheldrahtzaun und entkamen. Ich wusste überhaupt von nichts. Ich wurde zum Verhör bei der Polizei einbestellt. Boris Kostinski war dabei als Dolmetscher. Seine Haltung zu mir war so rücksichtsvoll, so achtsam, so wohltuend. Ich dachte noch: „Ein Deutscher, und verhält sich so menschlich zu mir; verteidigt mich.“ Ich fühlte, dass er mich verteidigt. Deutsch verstand ich kaum. Ich fühlte aber, dass er mich verteidigte. Ich verstand seine Worte: „Sie hat nichts davon zu verantworten. Sie ist noch ein Kind, was versteht sie denn?“ Das habe ich verstanden. Man ließ mich frei und ich geriet, Gott sei Dank, nicht ins Konzentrationslager.

 

Videoausschnitt

Zur deutschen Bevölkerung gab es nahezu keine Beziehungen. Ich erinnere mich, wie wir durch Rangsdorf spazieren gingen und an einem Apfelbaum hingen viele grüne Früchte. Wir kamen näher und sagten: „Geben Sie uns auch je einen Apfel ab.“ Zur Antwort kam: „Noch nicht reif.“ Dieses Wort ist bis heute in meinem Gedächtnis stecken geblieben. Sie haben uns keinen Apfel gegeben.

Doch es gab auch Ausnahmen: Wir hörten von einem Bauern in Dabendorf, wo es Salat geben sollte: Weißkohl und rote Beete. Wir fuhren an einem Sonntag dorthin und fanden diesen Bauern. Wir aßen je eine Portion auf, dann die zweite und auch die dritte. Wir kamen zur Haltestelle, als die S-Bahn soeben abfuhr. Die nächste kam erst in 20 Minuten, so dass wir 20 Minuten zu spät ins Lager kamen.
Am nächsten Tag wurden alle vier Mädchen gerufen und vor ein Gericht gestellt. Es waren drei erwachsene Frauen anwesend. Sie waren aus unserem Lager. Sie bekamen zusätzlich eine Kartoffel und haben uns verkauft. Das Urteil war: 15 Tage Karzer und je 15 Minuten baden. Wir mussten uns nackt ausziehen, auch die Schlüpfer mussten runter. Dann kam der kalte Wasserstrahl unter Druck. Das Liegebett war aus blankem Holz, ohne Matratze. Wir erhielten für einen Tag ein Glas Wasser und 100 Gramm Brot. Nach 15 Tagen war ich von Furunkeln ganz bedeckt. Ich wurde für einen Monat krankgeschrieben.

Bevor man mich nach Deutschland deportierte, stand bei uns ein Deutscher in Quartier. Er war damals schon wieder an der Front. Von einem Postpaket blieb der leere Karton mit der Rückadresse. Ich habe mir diese Adresse für alle Fälle mitgenommen. Bei der Arbeit mit den zwei alten Männern sagte ich: „Ich habe hier eine Adresse. Er war bei uns einquartiert.“ Ein Opa, um die 80, sagte: „Gib sie her! Ich fahre dahin und erzähle es ihnen.“ Es stellte sich heraus, dass der Soldat aus Berlin war. Man musste, glaube ich, bis Friedrichstraße fahren und dann mit der Straßenbahn 2 bis zum Ende. Opa fuhr dahin und zog Erkundigungen ein. Sie luden mich ein. Er erklärte mir, wie man dahin fährt. Als ich ausstieg, waren ringsum Einfamilienhäuser: sauber und gepflegt. Ihr Haus war das fünfte.
In diesem Haus wohnten der Vater, die Mutter, die Frau des Soldaten, sein Töchterchen Ingabert und seine Nichte Bärbel. Sie nahmen mich gut auf, gaben mir zu essen. Sie legten mich in ein schneeweißes und weiches Bett, und ich schlief dort sogar ein. Ich sagte ihnen, dass ich um 6 Uhr im Lager sein muss. Sie weckten mich rechtzeitig, gaben nochmals zu essen, sowie einige Sachen. Eines Tages kam ich zu ihnen, und sie fragten mich: „Die Lage ist so schrecklich. Sollen wir uns evakuieren lassen oder nicht?“ Ich sagte ihnen: „Fahren Sie nirgendwohin; bleiben Sie zu Hause. Wenn Sie wegfahren, dann wird alles ausgeraubt. Und wenn Sie zurückkommen, haben Sie nichts mehr.“
Von da an konnten wir uns nicht mehr treffen. Es war doch so interessant. Den Namen habe ich vergessen, die Adresse auch. Ich hätte mich gerne mit ihnen getroffen.

Als wir befreit wurden, gingen wir zuerst alle zu Fuß. Dann schoss man auf uns. Ich geriet auf einen Wagen unserer Armee. Dann kam ich in eine Nebenwirtschaft. Ich weidete die Kühe. Dann beschloss man, uns wegzuschicken. Ich blieb allein, und man brachte mich in ein Sammellager an der Oder, in ein Kloster. Dort wurden wir bis zum August geprüft. Alles war gut, und Ende August wurde ich nach Hause geschickt.
Mit dem Auto fuhren wir über Rawa Russkaja, wo wir eine Pause machten, nach Lwow. Die Westukrainer verfolgten uns. Manche von uns haben sich dort sogar beim Essen vergiftet. Aus Lwow fuhren wir mit einem Zug in Richtung Sowjetunion. Schließlich stieg jeder an seiner Station aus.

Nach meiner Rückkehr in die Heimat wurde ich repatriiert und registrierte mich. In meinem Heimatdorf Drushkowka fand ich eine Arbeit und bin seitdem hier geblieben.

 
     
 
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